Der Scooter-Sport erlebt seit einigen Jahren einen Boom. In den Skateparks sieht man immer mehr Menschen mit den kompakten Scootern über die Schanzen wirbeln. Schon seit 10 Jahren gibt es regelmässig Weltmeisterschaften und der Traum von Olympia wächst langsam in der Community. Könnte Scooter die nächste olympische Disziplin werden? Eine Bestandesaufnahme.

Autorin: Andrina Schmid
Bild: Jeder Sprung ein Adrenalinkick. (Quelle: Andrina Schmid)


Die Geschichte des Scooter

Alain Zuber hebt ab. Er springt hoch und kickt mit einem Fuss das Deck weg, auf dem er eben noch stand, so dass es sich um 360 Grad unter ihm dreht. Kurz bevor er am Boden aufkommt, stehen seine Füsse wieder fest auf dem Deck. Bei der Landung auf der Holzrampe knallt es laut. Er lächelt verschmitzt, als er anhält. Alain Zuber ist leidenschaftlicher Scooter-Fahrer.

Musik: Neffex (Copyright Free)

Damit gehört er zu einer wachsenden Gruppe von jungen Leuten in der Schweiz und weltweit, die den Sport für sich entdeckt haben. Durch die Leichtigkeit des Scooters sind viel mehr Tricks möglich als zum Beispiel mit dem BMX. Es ist ausserdem leichter zu erlernen als Skaten. Devin Szydlowski, Semi-Pro Scooter Fahrer, hat es gegenüber dem Rolling Stone Magazin so formuliert: «Wenn man mit dem Skaten anfängt, kann man nicht sofort einen Ollie machen, man muss sechs Monate lang üben. Auf einem Scooter braucht man für einen Bunny Hop etwa einen Tag, um ihn zu lernen.» Der Anfang ist zwar leicht, trotzdem braucht es viel Training, um zu den Besten zu zählen. Viele aufstrebende Scooter-Fahrer:innen trainieren im Skills Park in Winterthur für Wettkämpfe. Vielleicht auch schon bald für Olympia.

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Das «Ur-Modell» des Scooters wurde in der Schweiz entwickelt. In einem Blog-Beitrag von Micro wird die Entstehungsgeschichte dokumentiert: Der Erfinder aus Zürich, Wim Ouboter, wollte 1999 Mobilität für Mikrodistanzen schaffen. Aus dieser Idee entstand der zusammenklappbare Tretroller «Micro». In den 2000er Jahren boomte das Trottinett bei Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt. Später lizenzierte Micro den Scooter an JD Sports in den USA. In einem Artikel des Rolling Stone wird berichtet, dass JD Sports schnell das Potenzial des Scooters als Sportgerät erkannte. Im Jahr 2001 schrieben sie 1000 Dollar Gewinnpreis aus für die Person, die als erstes einen Backflip landen kann mit einem Scooter.

Grafik: Andrina Schmid, Quelle: Skatepro


Die Rampen, die die Welt bedeuten

Eine riesige Halle in einem alten Fabrikgebäude. Trampolinspringen, Freerunning und Scooter fahren: Alles ist möglich im Skills Park, der laut SRF grössten Multisporthalle Europas. Das Angebot zieht Menschen über die Kantonsgrenzen hinweg an. «Wir haben im Jahr etwa 200’000 Besucher und Besucherinnen», sagt Roger Rinderknecht, Geschäftsführer des Skills Park. Etwa die Hälfte übe einen Rollsport aus. Von diesen 50% habe sich Scooter in den letzten Jahren zur grössten Gruppe entwickelt.

  • Mit dem Scooter gibt es viele verschiedene Möglichkeiten von Tricks. (Quelle: Andrina Schmid)

Im Jump Park trainiert Klein bis Gross mit dem Scooter. Auf diesen Rampen wurden auch schon verschiedene Wettkämpfe veranstaltet. Letztes Jahr fand ein Wettkampf der Scooter-Marke «Chilli» statt. Beim «Scoot or die» konnten sich die besten Fahrer für die Europa- und Weltmeisterschaften qualifizieren. Rinderknecht sagt er sei bereits in Kontakt mit einem interessierten Veranstalter, so dass es eventuell auch dieses Jahr wieder ein Event stattfinden wird. Damit es attraktiv bleibt, im Skills Park Wettkämpfe zu veranstalten, sei es vor allem wichtig, die Infrastruktur aktuell zu halten. Die meisten Athlet:innen, die sich im Skills Park bewegen, gehören zu jungen und dynamischen Szenen. Damit man den Ansprüchen gerecht wird, muss man sich regelmässig neuen Trends anpassen und die Strukturen des Jump Parks überarbeiten.

Würde Scooter olympisch werden, könnte die Beliebtheit noch weiter steigen, sagt Rinderknecht. Einen direkten Einfluss auf den Skills Park hätte die Aufnahme bei Olympia nicht. Es gebe aber verschiedene Verbands- und Supportstrukturen, von denen man profitieren könne. Die Kader erhalten ein Budget, um Trainingsinstallationen zu nutzen. «Wenn sie den Skills Park definieren als Trainingshalle, erhalten sie ein Budget, um ein Jahresabo zu kaufen. Indirekt hilft uns das natürlich auch», sagt Rinderknecht. Der Skills Park selbst arbeitet nicht direkt mit Swiss Olympic zusammen, sondern mit Kadern und Verbänden wie zum Beispiel Swiss Skate.

Simon von Allmen ist der Geschäftsführer von Swiss Skate. Der Verband wurde 2019 gegründet durch den Zusammenschluss von sieben Sportverbänden. Bei Swiss Skate werden auch Sportarten aufgenommen, die keinen eigenen Verband in der Schweiz haben, wie zum Beispiel Scooter.

Was ist das Ziel von Swiss Skate?

Swiss Skate ist vor allem daraus entstanden, dass Wold Skate (Weltverband von Rollsportarten) nur noch einen Ansprechpartner haben wollte in der Schweiz. Viele Sportarten sind als Einzelverbände organisiert. Swiss Olympic kam mit dem gleichen Thema zu uns. Durch das sind die Einzelverbände dann zu einem Dachverband zusammengekommen. 2020 wurde Swiss Skate dann offiziell bei Swiss Olympic aufgenommen. Danach haben sich relativ schnell noch weitere Sportarten wie zum Beispiel Downhill angeschlossen.

Wie ist das mit Sportarten, die keinen eigenen Verband haben, wie Scooter?

Wir mussten einen Weg finden, damit diese Athleten sich als Einzel-Athleten direkt beim Dachverband registrieren können, damit Swiss Skate diese auch ausweisen kann. Wenn die Fahrer an die WM, EM oder Weltcups wollen, können sie nur gehen, wenn Swiss Skate sie anmeldet. Da haben wir jetzt eine Lösung gefunden. Man hat die Swiss Skate Family gegründet. Jeder, der Freude hat und irgendwas mit Scooter macht, kann sich für 15 Franken registrieren und dann ist er direkt bei Swiss Skate Mitglied. Und wenn diese Person dann an die Internationalen Wettkämpfe will, muss sie noch eine Lizenz lösen.

Wie viele Scooter Fahr:innen gibt es in der Schweiz?

Wir wissen, dass es in der Schweiz etwa 10’000 oder mehr Scooter Fahrer gibt. Die sind aber alle sehr unverbindlich in Skateparks unterwegs. Wir können die genaue Anzahl momentan noch nicht so greifen, weil sie nicht registriert sind. In einem ersten Schritt wäre es wichtig, dass sich so viele wie möglich von den kleinsten bis zu den Erwachsenen in der Swiss Skate Family registrieren.

Wofür genau ist es wichtig?

Wir können Scooter erst als Sportart versuchen zu platzieren bei Swiss Olympic und dem Bundesamt für Sport (BASPO), wenn verschiedene Aufnahmekriterien erfüllt sind: Dazu gehört unter anderem, dass man Athleten aus allen drei Landesteilen braucht und mindestens 1000 Personen registriert sind bei Swiss Skate. Diese Bedingungen sind sowohl für Swiss Olympic als auch das BASPO relevant. Sobald wir dort aufgenommen werden, haben wir eine Leistungsvereinbarung mit Swiss Olympic und erhalten dann auch Subventionsgelder vom BASPO. Damit könnten zum Beispiel alle Skateparks ihre Scooter Trainer bei Jugend und Sport (J+S) ausbilden und abrechnen lassen. Bis das aber alles funktioniert, brauchen wir diese Mindestanzahl Leute.

Ist das Ziel, mit all diesen Massnahmen, dass die Sportart irgendwann olympisch wird?

Also wir als Swiss Skate können das nicht bestimmen. Das bestimmt das Internationale Olympische Komitee (IOC) respektive müsste das dann über den Weltverband World Skate eingegeben werden. Ich denke, die Auflagen wird man vermutlich schon erfüllen. Zum Beispiel muss die Sportart in über 50 Nationen betrieben werden und das wird sie garantiert. Das Thema ist mehr, das IOC nimmt nicht unendlich Sportarten auf, sie müssten erst wieder eine rauskicken. Mit dem Skateboarden haben sie erst kürzlich eine Rollsportart aufgenommen. Diese Disziplin ist auch attraktiv für sie, es ist eine neue grosse Zielgruppe. Ich könnte mir vorstellen, dass Scooter nachrutschen könnte, weil es in eine ähnliche Richtung geht und die gleiche Infrastruktur benötigt wird.

Welche Vor- und Nachteile ergeben sich aus der Professionalisierung im Scooter?

Ich sehe eigentlich keine Nachteile. Die, die nicht organisiert sein wollen, müssen nicht teilnehmen respektive können sie auch Mitglieder sein, aber sie sind nicht verpflichtet, irgendetwas mitzumachen, das organisiert ist. Sie haben im Prinzip nach wie vor alle Freiheiten. Das einzige Thema sind die Wettkämpfe, aber dort finde ich, kann man auch nicht einfach Freestyle mässig gehen. Dort sollen die besten sein, die die am meisten trainieren und am meisten draufhaben. Der Geist und die Mentalität werden aber immer Freestyle sein. Wenn man sich aber anschaut, was zum Beispiel die Snowboarder für Trainingsaufwand betreiben müssen, damit sie mit der Spitze mithalten können, denke ich, dass es sich beim Scooter vermutlich in diese Richtung entwickeln wird.


Die Wettkämpfe

Die erste Weltmeisterschaft im Scooter wurde von der International Scooter Federation (ISF) organisiert. 2019 integrierte World Skate, der Dachverband für Rollsportarten, nach einer Einigung mit der ISF die Scooter Weltmeisterschaften in die World Skate Games in Barcelona. Die Integration und Zusammenarbeit wurden allerdings nicht weitergeführt nach diesem Event. Die ISF gibt es in der Zwischenzeit nicht mehr. Die Gründe dafür sind unklar.

World Skate veranstaltet weiterhin die Weltmeisterschaften im Scootering im Rahmen der World Skate Games. Dieses Jahr finden die Weltmeisterschaften im September in Rom statt. World Skate setzt sich auch anderweitig für Rollsportarten aller Art ein. Dass Rollhockey im Jahr 1992 als Demonstrationssportart in Barcelona teilnehmen durfte, war eine grosse Errungenschaft. Mit Skaten wurde 2021 in Tokio die erste Rollsportart vom IOC als olympisch anerkannt.


Wie ein Sport olympisch wird

Mit den neu geschaffenen Strukturen für Scooter bei World Skate und den nationalen Verbänden wird der Grundstein gelegt, um für die Olympischen Spiele in Betracht gezogen zu werden. Welche Disziplinen beim IOC aufgenommen werden, entscheidet unter anderem die «Olympic Programme Commission». Die Kommission prüft neue Vorschläge und gibt eine Empfehlung an die IOC-Session, die darüber abstimmt. Auf der Website des IOC werden vier Punkte aufgezählt, die das Programm-Komitee bei der Auswahl beachten muss.

Kriterien des Olympischen Komitees

1. Entwicklung eines Programms, das die Popularität der Olympischen Spiele maximiert und gleichzeitig die Kosten und die Komplexität begrenzt.

2. Sicherstellen, dass das olympische Programm für junge Menschen relevant bleibt, indem es innovativ ist und sich an den modernen Geschmack und neue Trends anpasst, ohne die Geschichte und Tradition der Sportarten zu vernachlässigen.

3. Gründliche Evaluierung der Sportarten und Veranstaltungen in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen internationalen Verbänden.

4. den Rahmen und die Grundsätze der Empfehlungen 9, 10 und 11 der Olympischen Agenda 2020 und der Empfehlungen 1, 2, 4 und 5 der Olympischen Agenda 2020+5 einhalten.

Kriterien für Sportarten

1. Die Sportart muss Teil eines Internationalen Verbands sein, der vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannt ist.


2. Der Sport muss in der Männerkategorie in 75 Ländern in der Frauenkategorie in 40 Ländern ausgetragen werden.


3. Das IOC nimmt keine Sportarten auf, die auf einen mechanischen Antrieb angewiesen sind.


4. Im Sport müssen die Anti-Doping Richtlinien beachtet werden.

Für eine neue Sportart muss immer eine andere ihren Platz aufgeben, da das IOC nur eine begrenzte Anzahl Sportarten aufnimmt. Der Wettbewerb um die Aufnahme ins olympische Sportartenprogramm ist hart umkämpft. Olympia ermöglicht vielen Sportarten eine grosse weltweite Aufmerksamkeit. Olympisch zu sein, bedeutet nämlich auch, über mehr Geld zu verfügen und attraktiver für Sponsoren zu sein.

Scooter boomt bei jungen Leuten und wäre daher attraktiv für das IOC. Durch Skaten wäre auch die Infrastruktur mehr oder weniger bereits vorhanden, da beide Sportarten in den Disziplinen «Street» und «Park» antreten. Bis Scooter-Fahrer:innen sich am olympischen Feuer die Hände wärmen können, wird aber noch einige Zeit vergehen. Die Sportarten für die Olympischen Sommerspiele 2028 sind nämlich bereits bestätigt und alle Plätze besetzt.