In den 60er und 70er Jahren brachten Schmugglerinnen und Schmuggler täglich tonnenweise Kaffee und Zigaretten vom Puschlav über die Grüne Grenze ins Veltlin. Was die Schweiz mit der Regelung «Export Zwei» tolerierte, war in Italien illegal. Die Geschichte der «Contrabbandieri» und ihren Machenschaften.
Autorin: Leila Bieler
Titelbild: Die Contrabbandieri auf dem Weg nach Italien. Bild: Associazione iSTORIA
Brusio und Poschiavo: Wo nach dem Zweiten Weltkrieg eine regelrechte Blütezeit des Kaffee- und Tabakschmuggels herrschte, ist heute Ruhe eingekehrt. Die Dörfer, im südlichen Teil von Graubünden, sind so abgelegen, dass sogar der Weg bis nach Chur über zwei Stunden dauert. Touristen verirren sich selten in die Gegend. Manchmal aber doch – zum Wandern und Biken oder um das «sConfini – Festival del Contrabbando Culturale» zu besuchen. Das Schmuggelfestival findet jeweils im April und Mai statt und wird mit ganzjährlich stattfindenden Wanderungen auf den ehemaligen Schmugglerpfaden ergänzt. Dabei erzählen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Geschichten von ausgeklügelten Tricks, gnadenloser Armut und millionenschweren Umsätzen. Der Mitorganisator Piero Pola sagt: «Geschmuggelt wurde an vielen Orten. Im Puschlav war das Ausmass aber unvorstellbar gross».


Kinoabend am Festival. Bild: Leila Bieler

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Das grosse Geschäft mit dem Schmuggel vom Puschlav ins Veltlin schoss aus dem Boden, weil nach dem Zweiten Weltkrieg die Schutzzölle auf Kaffee und Tabak in Italien dermassen hoch waren. In den 60er und 70er Jahren hatte der Schmuggel dann ein Ausmass erreicht, wie an keinem anderen Ort in der Schweiz. Gemäss dem Historiker Adriano Bazzocco im SRF-Zeitblende-Beitrag sind pro Tag zwischen 20 bis 30 Tonnen Kaffee und etwa eine Tonne Zigaretten ins Veltlin geschmuggelt worden. Auch der Bund habe davon profitiert, denn die Ware wurde in der Schweiz verzollt.
Veltlin-Puschlav-Retour: Die Route

Baruffini-Viano
Die Bewohnerinnen und Bewohner der Veltliner Bergdörfer Baruffini und Roncaiola fuhren am Morgen über die Schweizer Grenze nach Campogologno. Dort quetschten sie sich in Lieferwagen und wurden den Berg hinauf in den kleinen Weiler Viano, nahe der italienischen Grenze, gefahren.
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Die Ware
Der in Campogologno geröstete und abgepackte Kaffee wurde ebenfalls nach Viano gebracht. Die Schmuggler, oder wie in der Umgangssprache genannt «Spalloni» oder «Contrabbandieri», schnallten dann die Säcke auf ihre Rücken und marschierten Richtung Grenze los.
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Das Schweizer Zollhaus
In der Nähe von Viano steht das ehemalige Schweizer Zollhaus. Dort musste die Ware deklariert werden. Da in der Schweiz die Ausfuhr von Kaffee und Tabak nach Italien erlaubt war, hätten die Schmugglerinnen wenig zu befürchten gehabt, erklärt der ehemalige Schweizer Zöllner Rodolfo Soler: «Sie hatten 24 Stunden Zeit um die Grenze zu überqueren und wenn sie ihre Ware richtig deklariert hatten, liessen wir sie weiterziehen.»
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Auf der Hut
Kaum hatten die Schmugglerinnen und Schmuggler das Schweizer Zollhaus hinter sich gelassen, wurde das Unterfangen gefährlich. Da die Einfuhr in Italien illegal war, mussten sie ständig auf der Hut sein. Die italienische Grenzwache «Guardia di Finanza» lauerte ihnen auf.
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Schleppen
Das Bestreiten der Schmuggelroute von Viano bis ins italienische Dorf Baruffini dauerte etwa drei bis vier Stunden. Wer stark war, absolvierte den Weg mehrmals täglich. Der ehemalige italienische Schmuggler Giuseppe Bombardieri sagt: «Es war ein hin und her. Wir schleppten die Säcke so oft wie es ging über die Grenze – bis wir nicht mehr konnten.»
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Salto del gatto
Der Zigarettenschmuggel wurde härter bestraft als der Kaffeeschmuggel. Um nicht im Gefängnis zu landen, wählten die Spalloni manchmal deshalb längere und gefährlichere Wege, als jener von Viano nach Baruffini. Laut dem ehemaligen italienischen Zöllner Ercole Ricci, sei einer der Wege – genannt «Salto del gatto» – so schmal gewesen, dass ein Fehltritt gleich den Tod bedeutet hätte.
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Die Schmugglerinnen und Schmuggler wanderten bei jeder Jahreszeit und Witterung über die Grenze. Einfach sei die Arbeit nicht gewesen, erinnert sich der ehemalige italienische Schmuggler Giuseppe Bombardieri: «Neben den Gefahren, die das Schmuggeln mit sich brachte, war es vor allem eines: Wirklich sehr harte Arbeit. Die Männer trugen 35 bis 40 Kilo, die Frauen und Kinder etwa 25 Kilo – und die steilen Bergwege sind oft derart rutschig und schmal gewesen, dass manch einer ins Tal hinabstürzte.»
Warum sich die Contrabbandieri diesen Herausforderungen stellten und wie es ihnen dabei ergangen ist, erzählen der ehemalige italienische Schmuggler Giuseppe Bombardieri und der ehemalige Schweizer Zöllner Rodolfo Soler im Audiobeitrag.
Katz-und-Maus-Spiel
Bei der schweizerischen und italienischen Bevölkerung sei der Schmuggel gesellschaftlich akzeptiert gewesen, erzählt Adriano Bazzocco im SRF-Zeitblende-Beitrag. Im Puschlav sei er als Geschäftsmodell anerkannt worden und im Veltlin habe er als eine Art Auflehnung gegen die Regierung Italiens gegolten. Piero Pola sagt: «Die Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer waren alle direkt oder indirekt am Schmuggel beteiligt. Wer nicht Schmuggler oder Zöllner war, half beim Packen der Jutesäcke oder arbeitete in einer der zwölf Kaffeeröstereien, die sich in Campogologno und Brusio aneinanderreihten.»
Mit ausgefallenen Tricks halfen die Anwohnerinnen und Anwohner den Schmuggel am Laufen zu halten. Rodolfo Soler erzählt, dass Frauen aus Baruffini weisse Leintücher in ihren Garten gelegt hätten, wenn sie italienische Zöllner gesehen haben. Die Leintücher seien vom Berg aus gut sichtbar gewesen. Dadurch hätten die Schmuggler sofort gewusst, dass sie auf der Hut sein mussten. Giuseppe Bombardieri erzählt von Postauto-Fahrern, die die Berghänge hinaufgefahren seien und nur dann in den Kurven hupten, wenn sie italienische Zöllner gesehen hätten, um damit die Schmuggelnden zu warnen.
Die Solidarität war auch unter den Spalloni gross. Sie kreierten beispielsweise ein Versicherungssystem: Wurde die Ware einer Schmugglerin oder eines Schmugglers von den Zöllnern beschlagnahmt, so kam die ganze Gruppe für den Verlust auf. Zudem fingen sie an, die Zöllner auszutricksen. Giuseppe Bombardieri erzählt: «Wir haben zwei Personen mit qualitativ schlechter Ware vorgeschickt, die wurden dann von den Zöllnern aufgegriffen und so konnten wir unbemerkt vorbeischleichen.»
Irgendwann wurden aber auch die Zöllner kreativ. Ercole Ricci war einer davon. «Wir versteckten uns hinter grossen Steinen und liessen die ersten paar Schmuggler durch und als sie dachten, dass die Luft rein ist, haben wir zugeschnappt!», erzählt er. Manchmal seien sich die Spalloni und Zöllner aber auch ohne Tricks einig geworden. «Die Zöllner verdienten so wenig, dass ein bisschen Kaffee und etwas Geld manchmal reichten, damit sie ein Auge zu drückten und uns passieren liessen», sagt Giuseppe Bombardieri.

Bild: Caroline Hepting


Bild: Caroline Hepting

Bild: Associazione iSTORIA

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Export Zwei – wie die Schweiz profitierte
Im Gegensatz zu Italien verfolgte die Schweiz eine liberale Preispolitik und führte als Reaktion auf die Schmuggelaktivitäten ab 1948 den «Export Zwei» ein. Damit tolerierte sie den Schleichhandel. Aktiv gefördert habe sie ihn aber nicht, sagt der Historiker Adriano Bazzocco im SRF-Zeitblende-Beitrag.
Der «Export Zwei» führte zu diplomatischen Spannungen zwischen der Schweiz und Italien, da Italien hohe Steuerverluste hinnehmen musste. Die Schweiz hielt aber an ihrem Konzept fest und half dem Puschlav als abgekoppelte Randregion aus ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Dies sei aber nicht ganz uneigennützig gewesen, sagt Adriano Bazocco. Denn der Bund verdiente am Schmuggel zünftig mit. Im umsatzstärksten Jahr 1969, habe die Schweiz 100 Millionen Franken über die Tabaksteuer eingenommen. Das Geld sei damals in die AHV geflossen und finanzierte so einem von zwanzig Pensionierten die Rente.
Die Spezialregelung «Export Zwei» galt noch bis in die 1990er Jahre. Die goldene Schmugglerzeit endete aber vorher – Mitte der 70er Jahre verlor die italienische Lira an Wert und der Schweizer Franken wurde stärker. «Damit erübrigte sich der Gewinn und die Schmuggelnden suchten sich andere Beschäftigungen», erklärt Adriano Bazzocco. Zurück geblieben sind Menschen, die in nostalgischer Erinnerung schwelgen.
«Es war nicht alles lustig – wir wollen die Geschichte in all ihren Facetten erzählen.»

Kaspar Howald ist seit Mai 2024 Projektleiter von «Graubünden Cultura» und war davor zehn Jahre Geschäftsführer von «Valposchiavo Turismo». Er erzählt im Interview, welche Bedeutung die Schmuggelgeschichte für das Puschlav hat und wie sie heute noch erlebt werden kann.
Herr Howald, der Schmuggel im Puschlav ist Geschichte – ist er heute noch relevant?
Der Schmuggel im Puschlav und Veltlin war eine sympathische Möglichkeit, das Gesetz zu brechen. Es ging nicht um Drogen und Waffen, sondern um Kaffee und Zigaretten – eine Art Kavaliersdelikt. Deshalb lässt sich die Geschichte charmant erzählen und das macht sie touristisch interessant. Der Schmuggel ist aber auch Identitätsträger. Speziell in Brusio, dem Dreh- und Angelpunkt der damaligen Schmuggleraktivitäten, erinnern sich die Menschen gerne an die Zeit zurück und teilen ihre Erinnerungen mit.
Zeitzeugen und Zeitzeuginnen erzählen nostalgisch über die Blütezeit des Schmuggels in den 60er und 70er Jahren. War damals alles besser?
Die Erinnerung der einst so belebten Dörfer ist bei vielen Anwohnenden noch präsent. Schaut man die Bilder vom geschäftigen Treiben auf den Strassen von Campogologno an und vergleicht sie mit den eher unbelebten Strassen von heute, kann man gut nachvollziehen, dass einige Anwohnende nostalgisch zurückdenken. Es gab aber durchaus auch unschöne Seiten.
Was waren die Schattenseiten des Schmuggels?
Der Schmuggel war motiviert durch sehr grosse Armut. Vor allem im Veltlin war er oft der einzige Ausweg. Bei den Wanderungen über die Grenze gab es auch Tote. Ausserdem wurden irgendwann so grosse Mengen geschmuggelt, dass sehr wahrscheinlich auch die organisierte Kriminalität darin verwickelt war, darüber wissen wir aber fast nichts. Es war also nicht alles lustig. Das soll nicht unter den Teppich gekehrt werden. Deshalb versuchen wir die Geschichte in all ihren Facetten zu erzählen.
Wie wichtig ist die Schmuggelgeschichte für den Tourismus im Valposchiavo?
Das Puschlav hat glücklicherweise viele Alleinstellungsmerkmale. Wegen der geografischen Abgeschiedenheit zur Schweiz und der Nähe zu Italien hat das Tal eine starke eigene Identität entwickelt. Neben der «Italianità», sind auch die lokalen Produkte Teil des Tourismuskonzepts. Die Schmuggelthematik ist ein weiteres Puzzleteil. Der Fokus liegt aber nicht primär auf ihr.
Wie kann die Schmuggelgeschichte des Puschlavs erlebt werden?
Dieses Jahr haben wir das «sConfini – Festival del Contrabbando culturale» zusammen mit dem «Museo Casa Besta» zum dritten Mal durchgeführt. Mit dem Festival können wir das vorhandene Wissen bündeln und Zeitzeugen ihre Geschichte erzählen lassen. Es finden verschiedene Veranstaltungen im Valposchiavo, aber auch in Tirano statt. Ziel dabei ist auch, den kulturellen Austausch der Grenzregionen beider Länder auszuweiten. Zudem gibt es das ganze Jahr geführte Wanderungen auf den alten Schmugglerpfaden. In Zukunft ist ausserdem der Ausbau der Schmugglerausstellung im «Museo Casa Besta» geplant.

Ich mag die Welt und will immer wissen wie sie funktioniert – über sie zu erzählen übe ich gerade an der ZHAW. Daneben arbeite ich als Eventplanerin. Meine Freizeit fülle ich gerne mit Basics: Reisen, Fotografieren, Filmprojekte realisieren, Möbelupcycling.