Der 23-jährige Mirko suchte sich für seine psychischen Probleme schnell professionelle Hilfe. Er schlägt einen Weg ein, den viele Männer meiden. Die Frage, wie die Hürde im Thema Männer und Therapie überwunden wird, ist eine schwierige. Die Universität Zürich will mit einem neuen Ansatz die Therapie auf das männliche Geschlecht fokussieren.
Autor: Manuel Müggler
Titelbild: Sich in den Sessel einer Psychotherapie zu setzen ist für viele Männer eine grosse Hürde; Bild: unsplash.com/Nik Shuliahin
Mirko* hat bereits in jungen Jahren mit seiner Psyche und depressionsartigen Zuständen zu kämpfen. Immer wieder kriegt er Verspannungen, Panikattacken und leidet an Lustlosigkeit. „Die fehlende Energie habe ich zum Beispiel gerade beim Tennisspielen gemerkt. Wenn du im Tennis den Ball nicht mit Energie triffst, kommt auch nichts dabei raus.“ Seine Lustlosigkeit hat sich in der fehlenden Energie geäussert. Fachliteratur, etwa von der MedUni Wien und der Universität Zürich, listet ähnliche Symptome und zusätzlich noch erhöhte Müdigkeit und Suizidgedanken auf.
Mirko hatte nicht alle typischen Depressionssymptome und verzichtete auf eine formelle Diagnose, konzentrierte sich stattdessen auf die Linderung körperlicher Beschwerden. Für ihn war jedoch klar, dass er Hilfe braucht. „Ich bin dann in psychologische Hilfe gegangen, nicht um zu erfahren, was ich habe, sondern einfach um Hilfe zu bekommen.“ Überraschenderweise fand er jedoch, dass Selbsthilfe für ihn wirksamer war als die Psychotherapie. Er glaub, dies hängt nicht mit seinem Geschlecht als Mann, sondern seiner Persönlichkeit zusammen.
Entwicklung des Stigmas
Ein Bericht der MedUni Wien zeigt, dass Männer mit Depressionen häufiger aggressives, risikoreiches und suchtbezogenes Verhalten aufweisen und stärker zu Alkoholmissbrauch neigen. Für Hubertus Himmerich vom Universitätsklinikum Leipzig ist das auch eine Art des Kaschierens, der eigentlichen Krankheit.
Nicht nur in der Alkoholsucht kann man eine höhere Zahl an Männern erkennen. Schaut man die Zahlen des Bundesamtes für Statistik an, zeigt sich in der Suizidrate ein Unterschied. Männer begehen fast dreimal mehr einen Suizid als Frauen.
Hubertus Himmerich sieht die Ursachen in der Stigmatisierung: „Die Wurzeln des heutigen Männlichkeit-Stereotyps, das es dem Mann so schwer macht, sich selbst Schwächen einzugestehen, sind stark.“
Bei einem Gespräch mit Psychologe Christoph Adrian Schneider wird aber auch eine Gegenbewegung klar. Er sagt gerade jetzt, mit der Gen-Z werde die Akzeptanz und das Hinterfragen des Mann-Seins immer stärker in eine positive Richtung gelenkt. Diese Entwicklung kann auch bei Mirko festgestellt werden. Für ihn war dieses Stigma und die Probleme, Emotionen zu zeigen, nie ein Thema und hat es auch nie richtig verstanden. Er hat das mehr als Trigger dafür gesehen, wieso es ihm schlecht geht. „Was ich gemerkt habe, ist, dass ich mehr Mühe hatte, mit Männern über meine Gefühle zu reden, die nicht so in dem Thema drin sind oder sich dafür nicht interessieren.“ Das als Beispiel sein Vater mehr Probleme damit hat, Emotionen anzusprechen und ihn nicht ernst zu nehmen, hat ihn mehr beschäftigt, als mit Leuten über seine Probleme zu reden.
Neue Herangehensweise dank dem MSPP
Andreas Walther von der Universität Zürich arbeitet gemeinsam mit internationalen Forschungsinstituten an einem innovativen Ansatz zur Behandlung von Depressionen bei Männern: dem Male-Specific Psychotherapeutic Program (MSPP). Ziel dieser Studie ist es, auf die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen von Männern mit Depressionen einzugehen und somit eine höhere Erfolgsquote in der psychologischen Behandlung der Männer zu erreichen. Im Grundlagenpapier der Studie begründen die Forschenden die Notwendigkeit mit der Erschwerung der Behandlungsfähigkeit durch männliche Ideologien. Diese Ideologien, im Fachjargon als TMI (traditional masculinity ideologies) bekannt, umfassen gesellschaftlich geprägte Vorstellungen darüber, wie Männer sich verhalten oder nicht verhalten sollten. Beispiele hierfür sind das Zeigen von wenig Emotionen oder die Erwartung von Selbstvertrauen und Dominanz. Laut der Studie sind es diese TMI, die Männer davon abhalten, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen oder eine begonnene Therapie abzubrechen. In der Untersuchung werden insgesamt 144 ausgewählte Männer getestet.
Würde das Angebot dieser Therapie Männern die Hürde erleichtern?
Mirko ist rein aus der Vorinformation und der Studie heraus der Meinung, dass er eine männerspezifische Therapie nicht zwingend einer üblichen Therapie vorziehen würde. „Für mich ist das Allerwichtigste, dass eine Therapie personenbezogen ist und auf den Menschen eingeht.“ Allerdings sieht er die Wichtigkeit von solchen Forschungen für Personen, die mit einer Hürde zu kämpfen haben. „Allein dass an der ganzen Thematik gearbeitet wird, finde ich schon sehr wichtig. Wenn das die Männer dazu bringt, sich Hilfe zu holen, hat es ohnehin einen Versuch verdient.“
Notwendigkeit der neuen Forschung
Der Psychologe Christoph Adrian Schneider sagt im Interview, das wir bereits auf einem guten Weg seien. Jedoch besteht die Hürde für die Männer, eine Therapie aufzusuchen, was auch eine Statistik der Universität Zürich zeigt. In einer Studie, in der 716 Personen befragt wurden, fand man heraus, dass Männer mit 29 Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit eine Therapie besuchen würden. Entgegen den Zahlen aus der Wissenschaft hat Mirko wenig zu zögern gehabt, einen Psychologen aufzusuchen. Seine Aussage: „Es gibt wenige Menschen, die das Gleiche durchmachen wie du und dir so helfen können, darum habe ich einen Experten aufgesucht, der das besser versteht.“ Auch wenn es für ihn am Schluss nicht die Lösung war, habe er es als einen wichtigen Schritt gefunden. „Ich bereue keine Entscheidung, die ich getätigt habe und glaube, es ist wichtig, dass man eben etwas macht.“
*Name der Redaktion bekannt

Christoph Adrian Schneider ist Diplomierter Psychologe und gründete 2014 in Bern seine eigene Praxis für Persönlichkeitsentwicklung & Lebensgestaltung. Sein Angebot reicht von Psychologischer Beratung, über Paartherapie bis hin zu Männercoachings. Als Mandat ist er noch Care Profi Mitarbeiter für psychosoziale Nothilfe im Care Team des Kanton Bern.
Im Audiobeitrag schätzt der Experte die Therapiemethoden und die aktuelle Lage in der Männerpsychologie ein. Er kennt die Problematik, denkt aber an einfache Lösungen.
(Bild: Christoph Adrian Schneider)
Mannebüro Züri bietet den Männern schon lange Hilfe
Bereits seit über 20 Jahren hilft das Mannebüro in Zürich Männern in jeglichen Problemsituationen. Mit starkem Fokus auf Anonymität und Persönlichkeit will man die Männer dazu bringen, sich helfen zu lassen.

Im Mai 1989 öffnen die beiden Studenten für Soziale Arbeit, Herbert Düggeli und Piero Weber, die Türen des Mannebüro in Zürich. Anfangs wurde die soziale Unterstützung rein ehrenamtlich durchgeführt. In den folgenden Jahren wurden die Strukturen dank Spenden, Fördergeldern und Stiftungen stark professionalisiert. Seit dem Jahr 2007 ist auch der Kanton Zürich involviert. Das Mannebüro führt für den Kanton Zürich im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes die Gefährderansprache durch. Diese ist ein Instrument der Kantonspolizei Zürich, das verhindern soll, eine Situation in Gewalt eskalieren zu lassen. Dort setzt das Mannebüro einen ihrer Hauptpunkte mit der Gewaltprävention von Männern. Der alleinige Fokus liegt jedoch nicht nur im Thema Gewalt.
Fassen Sie sich ein Herz und rufen Sie uns an!
Die Arbeit der Beratungsstelle fokussiert sich auch auf die tieferen Punkte des Mann-Seins an sich und das schon seit längerer Zeit. Neben dem Umgang mit Gewalt hilft das Mannebüro auch bei Themen wie die Auseinandersetzung mit der Rolle als Mann, der Umgang mit Krisensituationen und auch der männlichen Sexualität. Auf der Internetseite steht: «Fassen Sie sich ein Herz und rufen Sie uns an!» Die Männer motivieren sich helfen zu lassen und ihnen Mut zuzusprechen soll das Ziel sein. Sobald jemand um Hilfe bittet, wird auch professionell mit der Situation umgegangen. Die oberste Priorität lautet: Anonymität. Jeder Mann kann sich jederzeit telefonisch oder persönlich um eine Beratung kümmern und muss keine Scheu vor irgendwelchen Rechtfertigungen haben. An jedem zweiten Montag hat man die Chance komplett ohne Voranmeldung, anonym und persönlich vorbeizugehen, um eine sogenannte Walk-in-Beratung zu erhalten. Wie der Geschäftsführer Mike Mottl gegenüber der NZZ sagt: «Es ist wichtig, dass sich die Männer wohl fühlen, wenn sie sich, vielleicht nach einem halben Jahr des Zauderns, zu uns trauen.» Bei Ihnen würden die Männer zuerst einmal einen Kaffee bekommen. Es gebe auch kein Wartezimmer oder ähnliches. Ein Grossteil des Beratungserfolges hänge vom Start ab. «Ob sich der Mann darauf einlassen will oder nicht, entscheidet sich sehr schnell», erklärt Mottl im Interview.
Wenig Anlaufstellen und grosse Hürde
Die bereits angesprochene Hürde ist immer wieder ein Thema. Experte Christoph Adrian Schneider bezog sich im Interview auf die Punkte, dass es einen Überschuss an Therapeutinnen gibt und zu wenig Therapeuten. Geschäftsführer Mottl geht in eine ähnliche Richtung: «Im Kanton Zürich gibt es ein Dutzend Frauenberatungsstellen und nur ein Mannebüro.» Mottl spielt dabei auf das unterschiedliche Hilfesuchverhalten von Mann und Frau an. Mit mehr Angeboten könnte jedoch auch das Suchverhalten verändert werden. So könnten die neue Studie der Universität Zürich und die Arbeit des Mannebüro in Zukunft das Verhalten vielleicht beeinflussen. In seinen Jahresberichten blickt das Mannebüro auf weitere Projekte hinaus und will sich möglichst um die Überwindung der Hürden kümmern. So schliesst auch Mottl in der NZZ mit: «Ein guter Mann weiss um die Geschlechterstereotype und kann sich weiterentwickeln, sich davon lösen. Wir sind unterschiedlich. Und wir müssen uns nicht schämen für das, was wir sind.»
Bei Depressionen bieten die folgenden Stellen in der Schweiz schnelle Hilfe:
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Angst- und Panikhilfe Schweiz, Tel. 0848 801 109
Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858, psychische Beratung
Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55
Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen
VASK, Regionale Vereine für Angehörige
Selbsthilfegruppen Selbsthilfe Schweiz
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Als Kommunikationsstudent mit Fachrichtung Journalismus hat es mir vor Allem die Produktion von Audio- und Videobeiträgen angetan. Das grosse Ziel ist irgendwann einmal im Sportjournalismus Fuss zu fassen.