Die Randsportart Freestyle Fussball geniesst in der Schweiz ein Nischendasein. Trotz der wenigen Betreiber nimmt die Popularität der Sportart auch hierzulande zu. Nicht zuletzt dank Marc Jonin erreicht die Sportart momentan ein grosses Publikum.

Autor: Laurin Zaugg
Titelbild: Marc Jonin bei einem schweizweiten Freestyle-Meeting in Luzern (Bild: Laurin Zaugg)

Freestyle Fussball hat abgesehen vom Namen bedeutend wenig mit dem traditionellen Fussball zu tun. Die einzige Gemeinsamkeit ist das Spielgerät. Nebst einem Fussball benötigt man lediglich etwas Platz, um Freestyle Fussball zu betreiben. Trotz der geringen Einstiegshürde gibt es in der Schweiz aber nur eine Handvoll aktive Freestyler.

Simon Müller ist amtierender Schweizermeister und beherrscht die Sportart ausgezeichnet. Im Video gewährt der 20-Jährige aus Buchrain (Lu) Einblicke in seine Leidenschaft und was ihn daran fasziniert.

Der Name ist Programm

Die Verbindung zum traditionellen Fussball ist im Freestyle Fussball kaum zu übersehen. Daher erstaunt es auch kaum, dass das Wort Fussball in Freestyle Fussball vorkommt. Wenn man sich mit der Sportart befasst, erkennt man auch schnell, was es mit dem «Freestyle» auf sich hat. Wie kaum eine andere Sportart verbindet Freestyle Fussball Sport und Kreativität miteinander. Im Freestyle Fussball gibt es keine Regeln, weshalb Freestyle Fussballer völlig frei sind, welche Tricks sie machen. Durch diese Freiheit hat jeder Freestyler einen anderen Stil. Im Freestyle Fussball braucht man kein Spielfeld, keine Tore und kein Netz. Daher sind Freestyler auch nicht eingeschränkt, wann und wo sie trainieren.

Ursprünglich als Aufwärmübung gedacht

Der argentinische Fussballer, Diego Maradona, der bis heute zu den besten aller Zeiten gezählt wird, gilt als einer der Gründerväter des Freestyle Fussball. Nebst seinen Leistungen als Stürmer, unter anderem für den FC Barcelona und die argentinische Nationalmannschaft, begeisterte er das Publikum bereits vor den Spielen durch seine Aufwärmübungen. Dabei zeigte er Tricks mit dem Fussball, die bis heute im Freestyle Fussball populär sind.

Bekannt durch Social Media

Mit dem Aufkommen des Internets und später den sozialen Medien in den 2000er Jahren erlebte das bis dahin noch unbekannte Freestyle Fussball einen Durchbruch. Plattformen wie YouTube ermöglichten es Freestylern, ihre Tricks einem breiten Publikum auf der ganzen Welt zu präsentieren. Bis heute sind die sozialen Medien ein wichtiger Bestandteil der Freestyle Fussball Community. Viele Freestyler posten regelmässig Videos von ihren Tricks auf Social Media, um Feedback und Anerkennung zu erhalten und sich mit anderen Freestylern auf der ganzen Welt zu vernetzen. Die Vernetzung über das Internet ist für Freestyler nach wie vor wichtig, weil es immer noch viele Freestyler gibt, die grösstenteils allein trainieren, weil keine anderen Freestyler in der Nähe leben.  

Freestyle Fussball Wettkämpfe

Seit 2008 werden im Freestyle Fussball auch Wettkämpfe durchgeführt. Ähnlich wie Breakdance Wettkämpfe finden auch Freestyle Fussball Wettkämpfe im Battle-Format statt. Dabei duellieren sich zwei Freestyler während 3 Minuten, wobei immer nach 30 Sekunden der andere an der Reihe ist. Eine Jury, die ebenfalls aus Freestylern besteht, bewertet die Kontrahenten aufgrund folgender Kriterien: Schwierigkeit, Allround, Kreativität, Ausführung und Kontrolle. Idealerweise gibt es pro Kriterium ein Jurymitglied, das sich speziell auf das Kriterium fokussiert. Am Ende des Battles bewertet jedes Jurymitglied die Kontrahenten mit 0-5 Punkten, um einen Sieger zu bestimmen.

Der wohl berühmteste Wettkampf im Freestyle Fussball trägt den Namen «Superball» und wird seit 2009 jedes Jahr in Tschechien durchgeführt. Dabei handelt es sich um die World Open Weltmeisterschaften, wofür sich jeder und jede anmelden kann. Da sich dort jährlich ein Grossteil der weltweiten Freestyle Fussball Szene trifft, kann man anhand steigender Teilnehmerzahlen sehen, dass die Sportart immer populärer wird.

Im Jahr 2020 erlebte Superball aufgrund der Corona-Pandemie einen starken Teilnehmerrückgang. Seither sind die Teilnehmerzahlen jedoch wieder rasant angestiegen und haben bereits 2023 wieder das Level von 2019 erreicht.

Freestyle Fussball in der Schweiz

Während Freestyle Fussball weltweit immer populärer wird, gibt es in der Schweiz nach wie vor sehr wenige Betreiber der Sportart. Die WhatsApp-Gruppe der Schweizer Freestyle-Community zählt zwar knapp 40 Mitglieder, jedoch praktizieren nur etwa 10 davon noch aktiv die Sportart. Anders als die Weltmeisterschaften fanden die Schweizermeisterschaften seit der ersten Durchführung im Jahr 2010 längst nicht alle Jahre statt.

«Es ist jedes Jahr eine Herausforderung, die Schweizermeisterschaften durchzuführen, da wir nie mehr als 10 Teilnehmer haben»

Valentin Favre, Präsident der Swiss Football Freestyle Association

Trotz der geringen Anzahl Freestyler in der Schweiz ist das Niveau im internationalen Vergleich ziemlich hoch. Mit Simon Müller und Marc Jonin befinden sich aktuell zwei Schweizer unter den besten 25 Freestyler der Welt. Dank Jonin könnte Freestyle Fussball in der nächsten Zeit in der Schweiz einen Aufmerksamkeits-Boost erhalten.

«Ich wusste nicht, dass ich diesen Traum Hatte»

Marc Jonin, Freestyle Fussballer im Zirkus Knie

Marc Jonin ist der erste Schweizer Freestyle Fussballer, der vom Sport leben kann – Zumindest für ein Jahr. Seit Mitte März ist der Freiburger als Freestyle Fussballer mit dem Zirkus Knie unterwegs. Gemeinsam mit seinem Bühnenpartner Sebastian Ortiz, genannt «Boyka», aus Kolumbien bietet er dem Publikum eine Show, die es so in der Schweiz noch nie gab.

Marc Jonin, wie fühlt es sich an, der erste Freestyle Fussballer der Geschichte im Zirkus Knie zu sein?

Jonin: Es ist verrückt! Ich hätte nie gedacht, dass ich im Zirkus landen würde. Als ich angefragt wurde, war ich mir gar nicht sicher, ob die Anfrage echt ist, da sie von einer Person auf Facebook kam, die ich nicht kannte. Als ich aber der Person meine Nummer gab und mich wenig später der Direktor anrief, wusste ich, dass es echt ist.

In diesem Moment ging für mich ein Traum in Erfüllung, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass ich ihn hatte.

Was sind deine Pflichten, die du erfüllen musst, um bezahlt zu werden?

Jonin: Da man pro Show bezahlt wird, muss man eigentlich einfach die Shows machen, um das Geld zu erhalten. Es gibt nicht viele Pflichten, du musst einfach gut sein und pünktlich bei den Terminen wie z.B. den Proben erscheinen, ansonsten hat man eigentlich den ganzen Tag frei. Ich trainiere häufig am Morgen noch allein, da die Proben meist nachmittags stattfinden.

Worin unterscheidet sich das Freestyle Fussball im Zirkus vom Freestyle Fussball an Wettkämpfen?

Jonin: Allgemein ist man im Zirkus etwas eingeschränkter als bei Wettkämpfen. Man kann nicht einfach machen, worauf man gerade Lust hat, sondern muss immer dieselbe Nummer aufführen, die zuvor mit verschiedenen Personen einstudiert wurde. Zudem muss man im Zirkus viel artistischer sein, also muss man sich die Frage stellen: Sehen meine Tricks spektakulär aus? Klar ist das bei Wettkämpfen auch wichtig, jedoch gibt es auch Tricks, die unspektakulär aussehen, jedoch sehr schwierig sind. Diese würde man an einem Wettkampf machen, in der Zirkusnummer aber weglassen. Es sind schliesslich Laien, die das Zirkusprogramm sehen. Daher wissen sie auch nicht, wie schwierig die Tricks effektiv sind, sondern sehen nur, wie sie aussehen.

Was sind die grössten Herausforderungen im Zirkus?

Jonin: Anfangs war es eine Herausforderung, zu akzeptieren, dass schwierige Tricks im Zirkus möglicherweise nicht sehr gut ankommen. Ich musste mein Ego etwas zurückstellen, als mir die Choreografinnen gesagt haben, dass sich diese Tricks nicht wirklich eignen für meine Zirkusnummer. Auch der Druck, ständig abliefern zu müssen, kann eine Herausforderung sein. Klar hat man diesen bei Wettkämpfen ebenfalls. Anders als bei Wettkämpfen hat man den Performance-Druck im Zirkus aber jeden Tag und das ganze Jahr über.

Wieso denkst du, dass Freestyle Fussball in den Zirkus passt?

Jonin: Ich finde, Freestyle Fussball passt sehr gut in den Zirkus, weil Fussball Menschen verbindet. Fast jeder hat schon mal einen Fussball berührt und weiss, wie es sich anfühlt, einen Ball am Fuss zu haben. Der Ball spricht für sich selbst. Die meisten Menschen wissen auch, wie schwierig es sein kann, den Ball schon nur zu jonglieren. Sie wissen also, wie anspruchsvoll es ist, den Ball so zu kontrollieren, wie wir Freestyler es tun. Ich denke, Freestyle Fussball ist sehr beeindruckend, auch dank der artistischen Tricks, die es in der Sportart gibt.

Wie sieht es mit dem Lohn aus? Ist dieser vergleichbar mit einem durchschnittlichen Schweizer Lohn?

Jonin: Ja, ich werde bezahlt wie bei einem normalen Job. Es ist alles andere als ein normaler Job, aber grundsätzlich ist alles geregelt wie bei jedem anderen Job.

Professionalisierung kaum möglich

Auch international gibt es nur wenige, die vom Freestyle Fussball leben können. Allein durch Wettkämpfe ist dies bis heute nicht möglich, da die Preisgelder nicht sehr hoch sind und es auch nicht allzu viele Wettkämpfe gibt. Um trotzdem vom Sport zu leben, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Dabei müssen Profi-Freestyler oft auf mehrere Einnahmequellen setzen, um über die Runden zu kommen. Nebst der Tätigkeit als Influencer und Markenbotschafter gibt es ebenfalls die Möglichkeit, eigene Produkte auf den Markt zu bringen, Trainings oder Workshops anzubieten oder Shows bei Sportveranstaltungen oder Firmen-Events zu machen, um als Freestyle Fussballer Geld zu verdienen. Bereits vor über hundert Jahren, als Freestyle Fussball noch in den Kinderschuhen steckte, wurde durch Tricks mit Fussbällen bereits Geld verdient.

Ob es in den nächsten Jahren einfacher wird, vom Freestyle Fussball zu leben, bleibt offen. Durch die wachsende Community und die aktuelle Präsenz in der Schweiz steht der Sportart jedoch eine vielversprechende Zukunft bevor.