Studieren in der Schweiz: Eine Investition in die Zukunft. Studieren kann teuer sein, doch es gibt zahlreiche Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung zu erhalten. In diesem Artikel wird aufgezeigt, was es braucht für ein erfolgreiches Stipendiengesuch.
Autorin: Laura Bernasconi
Bildunterschrift: Trotz tiefen Studiengebühren: Ein Studium in der Schweiz ist teuer.
Bild und Gestaltung: Laura Bernasconi
Anja Wattenhofer ist eine von vielen Studierenden, die keine Stipendien bekommen hat, obwohl sie ihr wahrscheinlich zustehen würden. Der Grund: fehlende Unterlagen. «Ich hatte viele Dokumente einfach nicht mehr. Die Absage für die Stipendien hat mich schon sehr demotiviert und dachte irgendwie geht es dann schon», dachte sich Anja Wattenhofer. Leider war es nicht so einfach. Die Schweiz gilt weltweit als eine der wohlhabendsten Nationen, mit einem starken Fokus auf Bildung und Forschung. Trotzdem sind Studiengebühren und besonders Lebenshaltungskosten hoch.
Der Zugang zur Hochschulbildung in der Schweiz wird auch von sozialen Faktoren beeinflusst. Familien mit niedrigerem Einkommen oder ohne akademischen Hintergrund haben möglicherweise weniger Ressourcen und Unterstützung, um ihren Kindern eine Hochschulausbildung zu ermöglichen. Zwar gibt es Stipendien und Darlehensmöglichkeiten, aber nicht alle Studierenden können darauf zurückgreifen.

«Ich denke fast jeden Tag darüber nach, was ich mir leisten kann und was nicht.»
Anja Wattenhofer hat wegen fehlenden Unterlagen keine Stipendien bekommen und kann diese nun auch nicht mehr anfordern. Wie sie trotzdem ihr Studium finanzieren kann, erzählt sie im Beitrag:
Anja Wattenhofer:Studiert zurzeit im 4. Semester Soziale Arbeit.
Bild: Laura Bernasconi
Sarah Notter, Leiterin Stipendien von der Stipendienstelle Zürich erklärt in einem Interview die sieben wichtigsten Punkte für ein Stipendiengesuch. Nicht jedem stehen Stipendien zu, nur Personen, die es auch wirklich benötigen – dabei ist ein vollständiges Gesuch am wichtigsten:
1. Persönliche Angaben und Unterlagen der Eltern sind wichtig
Im Kanton Zürich werden jährlich etwa 9’000 Stipendiengesuche eingeschickt. Der Prozess ist nicht einfach und es ist noch keine Versicherung, dass man die Unterstützung schliesslich bekommt. Der grösste Teil der Gesuche sind für die Sekundarstufe II.
Gemäss der Stipendienstelle Zürich, muss die Gesuchstellende Person im Online-Gesuch diverse Angaben zur Ausbildung, zum Werdegang und zu den persönlichen und finanziellen Verhältnissen machen. Wichtig sind dabei auch Angaben zu Eltern und Geschwistern. Anhand der Angaben werden bestimmte Beilagen verlangt. Besonders die Unterlagen der Eltern waren für Anja Wattenhofer schwierig. Einige Dokumente waren nicht mehr vorhanden und zum Vater besteht kein Kontakt.
2. Allgemeine Voraussetzungen müssen stimmen
Die wichtigsten Kriterien für die Vergabe von Stipendien sind der stipendienrechtliche Wohnsitz, persönliche Beitragsberechtigungen wie Staatsangehörigkeit und Aufenthaltsstatus. Akademische Leistungen spielen hingegen keine direkte Rolle, jedoch können eine überschrittene Ausbildungsdauer oder wiederholte Abbrüche hinderlich sein.
3. Berechnung basiert auf finanziellen Verhältnissen der Familie
Die Berechnung der Stipendienbeträge ist kompliziert und basiert auf finanziellen Verhältnissen von Studierenden und deren Familien. «Nur Personen mit engen finanziellen Verhältnissen bekommen Stipendien», sagt Sarah Notter. «Es ist eine sehr komplexe Materie. Es wird darauf geachtet, wie viele Einnahmen im Haushalt generiert werden, welche Kosten angerechnet werden, und das Ergebnis wird in das Budget der antragstellenden Person miteinbezogen.»
Auch Pauschalbeträge für Lebenshaltungs- und Ausbildungskosten werden berücksichtigt, diese wurden aber seit 2021 nicht mehr angepasst. Notter meint, man sei dran diese anzupassen, könne aber zu diesem Zeitpunkt noch nichts Konkretes sagen.
4. Der Entscheid braucht seine Zeit
Sarah Notter sei bewusst, dass es nicht einfach ist, auf den Entscheid zu warten und auch dass das Anfordern an sich bereits aufwändig ist: Zwei Drittel der Antragsstellenden reichen es unvollständig ein. Die Stipendienstelle war in starker Kritik wegen der langen Bearbeitungsdauer: «Wir hatten in den letzten zwei Jahre Schwierigkeiten gehabt, zeitgemäss die Gesuche zu bearbeiten. So hat es bis 6 Monate gedauert für eine Antwort – bei einem Fall sogar bis zu einem Jahr». Dieses Jahr konnte diese Dauer aber bereits verkürzt werden. «Im Normalfall bekommt man nach zwei bis drei Monaten Bescheid, ob noch Unterlagen fehlen. Anschliessend bekommt man den Stipendienbescheid über», sagt die Leiterin der Stipendienstelle.
5. Die Höhe der Beiträge sind sehr unterschiedlich
Bei den rund 9’000 Stipendiengesuchen ist die Höhe der Beiträge sehr unterschiedlich. Der Durchschnitt bei Stipendien im Kanton Zürich liegt bei 10’000 Franken, sagt Sarah Notter. «Mehr als 25’000 gibt es äusserst selten. Es gibt auch viele Stipendien, die ein paar 100 Franken sind.» Es bekommen nur Leute die Unterstützung, die es nötig haben. Etwa 30 % der Eltern der Studierenden und Lernenden beziehen Sozialhilfe, ergänzt Notter.
6. Stipendien sind für Studierenden mit knappen finanziellen Mitteln
Stipendien sollen gezielt jenen zukommen, die aus Familien mit knappen finanziellen Verhältnissen stammen. Ob und inwieweit diese Voraussetzung erfüllt ist, wird nach Massgabe von Gesetz und Verordnung bestimmt. Es ist gesetzlich nicht vorgesehen, Stipendien auch an Personen aus besser gestellten sozialen Schichten auszurichten. «Eine Person aus einer Akademikerfamilie, welche Geld hat, wird schnell merken, dass sie nichts bekommen», sagt Notter. Die Ablehnungsrate liegt bei etwa 25 % für alle Stipendiengesuche. Darunter sind aber auch unvollständige Gesuche.
7. Es wird nach strengen Vorgaben und Gesetzten gearbeitet
Die Stipendienstelle arbeitet gemäss strengen gesetzlichen Vorgaben und hat einen begrenzten Handlungsspielraum bei der Vergabe von Ausbildungsbeiträgen. «Uns ist bewusst, dass es ganz viele Personen gibt, bei welchen die Eltern ein Vermögen haben, dass ihnen angerechnet wird, aber sie selbst bekommen nichts von dem Geld». Hier gibt es aber einen sehr kleinen Ermessensspielraum, welcher nur bei härteren Fällen dies einberechnet werden kann. Die «Sonderfallklausel» ist sehr streng und, wird meistens nur bei strafrechtlichen relevanten Tatsachen gebraucht, um so ein Elternteil aus der Berechnung auszuschliessen.
«Meine finanzielle Situation hatte einen grossen Einfluss auf meine Studienleistungen»
Der 30-jährige Nicola Erb steht kurz vor dem Abschluss seines Kommunikationsstudiums. Im Interview erzählt er von den finanziellen und emotionalen Herausforderungen während des Studiums und gibt Einblick in seine monatlichen Ausgaben und Einnahmen.
Du wirst dieses Jahr 30 Jahre alt und bist im 6. Semester und damit letzten Semester deines Studiums. Wie kam es dazu?
Nicola Erb: Ich habe zuerst eine Lehre gemacht und danach als Informatiker gearbeitet. Das hat mir auch sehr gut gefallen, aber dann habe ich meinen Militärdienst im Durchdiener absolviert. Nach dem Militär war ich fast ein Jahr unterwegs. Die Zeit vergeht schnell, so habe ich schliesslich in zwei Jahren die Berufsmatura gemacht, um dann zwei Semester Betriebswirtschaft zu studieren. Das hat mir aber nicht gefallen und ich habe es abgebrochen, bevor ich 2021 mein jetziges Kommunikationsstudium begonnen habe.
Wie finanzierst du dir das Studium?
Auf verschiedene Weise: Zum einen arbeite ich neben meinem Vollzeitstudium durchschnittlich 40 bis 50 Prozent. Vor allem in den Semesterferien, am Wochenende, abends und in den vorlesungsfreien Wochen bin ich berufstätig. Im ersten Jahr konnte ich gut von meinen Ersparnissen leben, aber die waren schneller aufgebraucht als gedacht. Deshalb bin ich jetzt wieder etwas auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen.
Ich gebe nicht viel Geld aus und spare an allen Ecken und Enden. Ich gehe nie auswärts essen und kaufe mir keine neuen Klamotten.
Wie hoch sind deine monatlichen Ausgaben und Einnahmen genau?
Ich bekomme von meinen Eltern 800 Franken im Monat. Dieses Geld schreiben wir aber alles auf und haben es sogar vertraglich festgehalten. Nach dem Studium muss ich das ganze Geld zurückzahlen. Ich habe also bereits im Studium Schulden
Durch meine Arbeit verdiene ich etwa 2000 Franken im Monat. Zusätzlich greife ich auf meine Ersparnisse zurück, etwa 500 Franken im Monat – aber die sind bald aufgebraucht. Meine Miete beträgt 1500 Franken und für Essen und Leben bleiben mir noch etwa 300 Franken im Monat.
Hast du dich um Stipendien bemüht?
Ehrlich gesagt wusste ich am Anfang gar nicht, dass es so etwas gibt. Ausserdem haben meine Eltern von Anfang an gesagt, dass sie mich finanziell unterstützen werden, da es ein Vollzeitstudium ist. Auch von den Darlehen der Fachhochschule habe ich erst im zweiten Jahr erfahren. Aber dann habe ich mich dummerweise nie darum gekümmert.

Nicola Erb studiert im 6. Semester Kommunikation und Medien an der ZHAW in Winterthur. Mit seinen fast 30 Jahren würde er für Stipendien nicht in Frage kommen. Die Finanzierung des Studiums ist auch für ihn ein grosses Thema.
Bild: zvg
Warst du schon einmal an einem Punkt, an dem du dachtest, so geht es nicht weiter?
Absolut. Nach dem ersten Jahr kam ich jeden Monat an den Punkt, so wird es knapp und es geht nicht weiter. Ich habe Geld zusammengekratzt, um über den Monat zu kommen. Die letzten drei Jahre habe ich auch keinen Urlaub gemacht. Ich verzichte mehr auf Sachen und kann nicht viel geniessen.
Wie bringst du Arbeit und Studium unter einen Hut?
Im ersten Jahr habe ich neben dem 100 % Studium noch 70 % gearbeitet. Dadurch habe ich fast alle Prüfungen nicht bestanden und konnte zum Glück im Sommer alles erfolgreich wiederholen. Ein halbes Jahr später war es wieder dasselbe. Ich habe jeden Tag vor den Prüfungen und auch an den Prüfungstagen gearbeitet. Das war zu viel, aber der Grund dafür war meine finanzielle Situation. Das ging so nicht weiter, also habe ich mein Arbeitspensum reduziert, aber dann hatte ich entsprechend weniger Geld. Dafür sind meine schulischen Leistungen viel besser geworden. Die finanzielle Situation hat einen grossen Einfluss auf die schulischen Leistungen.
Was würdest du anders machen?
Ich würde am Anfang weniger arbeiten und stattdessen kurzfristige Jobs suchen, etwa nur für die Semesterferien, mit Schichten und festen Arbeitszeiten. Mein Rat an andere: Macht nicht den Fehler, allein zu wohnen. Geht in eine WG. Während des Studiums braucht man nicht viel und es lohnt sich nicht, ständig neue Klamotten zu kaufen – man hat sowieso keine Zeit, sie zu zeigen.
Aus den USA hört man oft, dass viele nach dem Studium Schulden haben. Dass es aber auch in der Schweiz Leute gibt, die damit zu kämpfen haben, ist weniger bekannt. Am Anfang war mir nicht bewusst, wie teuer ein Studium sein kann – nicht die Studiengebühren, sondern das ganze Drumherum.
Ohne die Unterstützung meiner Eltern wäre es unglaublich schwierig und ich bin sehr dankbar dafür.

Laura Bernasconi studiert im vierten Semester Kommunikation mit der Vertiefung Journalismus an der ZHAW in Winterthur. Nebenbei arbeitet sie als redaktionelle Mitarbeiterin bei der Südostschweiz in Chur.